Mir ist etwas aufgefallen, seit ich mich intensiver mit dem Thema Nervensystem beschäftige. Wenn ich mit Frauen spreche, höre ich fast immer dieselben Sätze. Ich bin einfach ständig müde. Ich kann abends gar nicht abschalten. Ich fühle mich, als würde mein Kopf nie zur Ruhe kommen. Und wenn ich dieselben Gespräche mit Männern führe, klingt es oft anders. Nicht weil Männer keinen Stress haben, sondern weil sich Stress bei ihnen häufiger anders zeigt.
Das hat mich neugierig gemacht. Ist da wirklich ein Unterschied, oder bilde ich mir das nur ein, weil ich selbst eine Frau bin und meine eigene Erfahrung im Kopf habe? Also habe ich mir angeschaut, was die Forschung dazu sagt. Und tatsächlich gibt es einiges, das diesen Eindruck bestätigt.
Was die Forschung wirklich zeigt
Mehrere Untersuchungen kommen zu einem ähnlichen Bild. Frauen berichten deutlich häufiger als Männer, dass ihr Stress in den letzten Jahren zugenommen hat. Auch chronischer Stress, also der Dauerzustand, der nie richtig abklingt, wird von Frauen öfter beschrieben als von Männern. Stressmedizinerinnen sagen sogar, dass das vegetative Nervensystem und das Immunsystem von Frauen sensibler auf Belastungssituationen reagieren. Manche Studien haben sogar gemessen, dass weibliche Herzmuskelzellen deutlich stärker auf Stresshormone reagieren als männliche.
Auch bei Erkrankungen, die eng mit einem überlasteten Nervensystem zusammenhängen, zeigt sich ein Unterschied. Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen treten bei Frauen etwa doppelt so häufig auf wie bei Männern. Das heißt nicht, dass Frauen schwächer sind. Es bedeutet eher, dass ihr System auf eine bestimmte Art empfindlicher reagiert.
Interessant fand ich auch einen Unterschied in der Art, wie Männer und Frauen mit Stress umgehen. Männer neigen eher zu dem klassischen Kampf oder Flucht Muster. Frauen zeigen häufiger ein Verhalten, das man in der Forschung tend and befriend nennt. Also sich kümmern und sich verbinden. Das bedeutet, dass Frauen unter Stress oft noch mehr für andere da sein wollen, sich noch mehr kümmern, noch mehr auffangen. Was auf den ersten Blick fürsorglich wirkt, kann auf Dauer aber genau das sein, was das eigene Nervensystem zusätzlich belastet.
Warum das im Alltag so wenig Beachtung findet
Was mich am meisten beschäftigt, ist nicht nur, dass es diesen Unterschied gibt. Sondern wie wenig er im Alltag mitgedacht wird. Viele Ratschläge zum Thema Stress sind sehr allgemein gehalten. Mach Sport, schlaf genug, iss gesund. Das ist alles nicht falsch, aber es berücksichtigt selten, dass der Körper einer Frau anders auf Belastung reagiert als der eines Mannes.
Dazu kommt, dass Frauen häufig gleich mehrere Rollen gleichzeitig tragen. Beruf, Familie, Haushalt, die emotionale Verantwortung für andere. Viele Frauen sind diejenigen, die sich merken, wann der Kinderarzttermin ist, wer im Freundeskreis gerade eine schwere Zeit hat, was noch eingekauft werden muss. Diese Art von unsichtbarer, mentaler Last wird selten als das erkannt, was sie ist. Nämlich eine ständige, leise Aktivierung des Nervensystems, die nie ganz aufhört.
Ich glaube, genau das ist einer der Gründe, warum sich so viele Frauen erschöpft fühlen, obwohl sie von außen betrachtet ihr Leben eigentlich gut im Griff haben. Die Erschöpfung kommt nicht von einer einzelnen großen Sache. Sie kommt von hundert kleinen Dingen, die alle gleichzeitig im Kopf mitlaufen.
Der Körper merkt sich, was der Kopf ignoriert
Ein Gedanke, der mich seit meiner eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema nicht mehr loslässt. Dein Nervensystem unterscheidet nicht zwischen wichtig und unwichtig. Es unterscheidet nur zwischen sicher und nicht sicher. Wenn du also über Jahre hinweg funktionierst, ohne wirklich zur Ruhe zu kommen, merkt sich dein Körper diesen Zustand. Auch wenn dein Kopf längst gelernt hat, alles wegzustecken.
Das erklärt auch, warum manche Frauen erst dann richtig spüren, wie erschöpft sie sind, wenn endlich eine ruhigere Phase kommt. Im Urlaub, am Wochenende, oder wenn ein Projekt abgeschlossen ist. Plötzlich bricht alles zusammen, obwohl doch eigentlich gerade Entspannung angesagt wäre. Das ist kein Zufall. Das Nervensystem lässt oft erst dann los, wenn es sich wirklich sicher fühlt. Und genau in diesem Moment zeigt sich dann, wie viel eigentlich die ganze Zeit über mitgetragen wurde.
Es geht nicht darum, noch mehr zu leisten
Was mir besonders wichtig ist, wenn ich mit Frauen über dieses Thema spreche. Es geht hier nicht darum, noch eine weitere Aufgabe auf die Liste zu setzen. Noch mehr Selbstfürsorge, noch ein Ritual, noch etwas, das perfekt gemacht werden muss. Das würde das Nervensystem nur noch mehr fordern, anstatt es zu entlasten.
Es geht vielmehr darum zu verstehen, was in deinem Körper eigentlich passiert. Und zu erkennen, dass eine Reaktion wie Erschöpfung, Reizbarkeit oder das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, kein persönliches Versagen ist. Es ist die logische Folge eines Nervensystems, das über sehr lange Zeit kaum Gelegenheit hatte, wirklich runterzufahren.
Ich selbst habe lange gedacht, ich müsste einfach stärker werden, mehr aushalten, besser organisiert sein. Erst als ich verstanden habe, wie mein Nervensystem tickt, konnte ich aufhören, gegen mich selbst zu arbeiten. Das war für mich der eigentliche Wendepunkt. Nicht mehr Disziplin, sondern mehr Verständnis.
Was du aus diesem Wissen mitnehmen kannst
Du musst aus diesem Beitrag keine sofortige Veränderung machen. Es reicht schon, wenn du das nächste Mal, wenn du dich erschöpft oder gereizt fühlst, kurz innehältst und dir sagst, dass das kein Zeichen von Schwäche ist. Dein Nervensystem trägt wahrscheinlich schon sehr lange sehr viel, ohne dass es dir bewusst war.
Wenn du tiefer verstehen möchtest, wie dein eigenes Nervensystem funktioniert, welchen Stresstyp du hast und wie du Schritt für Schritt wieder mehr Ruhe in deinen Alltag bringst, begleite ich dich gerne dabei. In meinem Shop findest du verschiedene Wege, wie wir gemeinsam weitergehen können, ganz in deinem Tempo.
Bis dahin wünsche ich dir, dass du dir selbst mit etwas mehr Nachsicht begegnest. Du trägst wahrscheinlich mehr, als dir selbst bewusst ist.
Alles Liebe Jessica
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